Von Konrad Adam

 

Warum Erasmus?

 

Wie oft bin ich danach gefragt worden, was wir uns denn dabei gedacht hätten, als wir ausgerechnet Erasmus von Rotterdam zum Namenspatron einer parteinahen Stiftung der AfD wählten. Die Antwort fällt nicht allzu schwer, es gab dafür ja viele und, wie ich überzeugt bin, gute Gründe. Bevor ich auf sie zu sprechen komme, hier eine andere, in diesem Zusammenhang unvermeidliche Bemerkung vorweg. Als wir den Stiftungs-Plan erwogen, mussten wir uns zunächst einmal darüber verständigen, ob wir es den Kartellparteien nachtun und uns an einem Unternehmen beteiligen sollten, das unter falscher Flagge lief.

Was sich da Stiftung nennt, trägt diesen Namen ja zu Unrecht. Dass die parteinahen keine echten Stiftungen sind, sondern Geldsammeltöpfe, die in der Erwartung aufgestellt werden, vom Staat gefüllt zu werden, ist hinreichend bekannt. Durften oder sollten wir uns an diesen Goldfischzügen beteiligen? Die Frage war nicht ganz leicht zu beantworten. Was für abenteuerliche Formen die Parteienfinanzierung angenommen hat, haben die Altparteien erst neulich wieder zu erkennen gegeben, als sie die SPD für ihr blamables Abschneiden bei der Bundestagswahl mit einer Millionenzuweisung aus öffentlichen Mitteln belohnten.

So weit, so schlecht. Sprach nicht der lauthals vorgetragene Anspruch der AfD, es besser zu machen als die anderen Parteien, die zwischen sich und dem Staat nicht unterscheiden können oder wollen, gegen den Plan? Das war der eine Standpunkt, der bis zum Schluss mit beträchtlicher Energie verfochten worden ist. Dagegen stand die Entschlossenheit, im Wettbewerb mit einer übermächtigen Konkurrenz nicht ohne Not noch weiter zurückzufallen. Erst nachdem diese zweite Überlegung den Ausschlag gegeben hatte, wandten wir uns der Patronatsfrage zu.

Viele Namen waren da genannt und schnell wieder verworfen worden. Für Erasmus sprach vor allem, dass er uns als der erste Repräsentant eines kulturell, nicht bloß wirtschaftlich definierten Europas erschien. Wir waren und sind überzeugt davon, dass ein Gebilde, das Freiheit auf den Austausch von Waren und Kapital, von Dienstleistungen und Arbeitskräften beschränkt, niemals zur Einheit finden kann. Was Europa  zusammenhält, sind nicht die Freiheiten im Plural, sondern die Freiheit im Singular, die nach der klassischen Definition in dem Recht besteht, alles zu tun, was einem anderen nicht schadet.

Von dieser Freiheit ist Europa weit entfernt, entfernt es sich tagtäglich immer weiter.

Freiheit hieß für Erasmus, unabhängig zu sein von den Zumutungen einer wie auch immer gearteten Zensur. Zu seiner Zeit war es die Kirche, die den Menschen vorschreiben wollte, was sie zu sagen und zu denken hatten, und schon den Zweifel daran hart bestrafte. Heute sind es ganz andere, technisch hochgerüstete Mächte, die das Denken ohne Geländer, von dem Hannah Arendt früher einmal gesprochen hatte, durch das betreute Denken ersetzen wollen. Das wollen wir aber nicht. Wir wollen die ganze, ungeteilte, bürgerliche Freiheit.

Und wir beginnen mit der Sprache, die ja zu Recht als Spiegel des Verstandes gilt – des Unverstandes leider auch, wie wir nach den beschämenden Erfahrungen, die wir mit den Exzessen einer politisch korrekt verlogenen Sprachpolizei gemacht haben, hinzusetzen müssen. Erasmus wäre kein Muster des freien Denkens geworden, wenn er nicht auch ein Meister des gesprochenen und geschriebenen Wortes gewesen wäre. Auch darin, in seiner Vorliebe für den kultivierten Gebrauch der europäischen Hochsprachen, soll er uns ein Vorbild sein.

Dass er auch andere, problematische Eigenschaften besaß, spricht nicht dagegen. Natürlich wollte er gehört, gelesen und beachtet werden; er wollte aber auch Distanz halten zu den Glaubenskämpfen und den politischen Turbulenzen seiner Zeit. Luther traf einen wunden Punkt, als er ihm vorwarf, den Tragödien seiner Zeit nur zuschauen zu wollen. Aber sind es nicht gerade solcher Leute, die wir in Zeiten des Wechsels, der Unruhe und des Aufbegehrens nötig haben, nötiger jedenfalls als die Lautsprecher, die mit der Dummheit der einen und der Feigheit der anderen ihre Geschäfte machen?

Erasmus misstraute den Machthabern seiner Zeit, den Königen und den Kaisern, den frommen Bischöfen und den entlaufenen Mönchen. Er wusste auch, warum, denn viele von ihnen hatte er auf seinen vielen Reisen durch ganz Europa kennengelernt, in Deutschland und Frankreich, Italien und England, den Niederlanden und der Schweiz. Dabei hatte er andere, anspruchsvollere Vorstellungen von den kulturellen Werten gewonnen, für die Europa stand und stehen sollte. Diese Werte teilen wir, und deshalb bekennen wir uns zu Erasmus.

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